Die Freiheit stirbt zuerst

Dieser Artikel wurde von Jörn Petring verfasst und in der 26. Ausgabe 2022 der WirtschaftsWoche veröffentlicht.

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Hongkong war mal ein Sehnsuchtsort von Machern und Managern. Heute ist der einstige Vorzeigewirtschaftsstandort wegen strenger Coronamaßnahmen nur noch ein Schatten seiner selbst. Auch deutsche Firmen verzweifeln.


Hongkong macht sich gerade schick. Überall in der Stadt hängen Plakate, die das Volk auf ein großes Jubiläum vorbereiten. Am 1. Juli feiert die einstige britische Kronkolonie den 25. Jahrestag ihrer Rückgabe an China. „Stabilität, Prosperität, Chancen“ ist auf den Bannern zu lesen, die zum Teil die Fassaden ganzer Hochhäuser einnehmen.


Chancen? Aus Sicht deutscher Unternehmen könnte dieser Slogan kaum weiter von der Realität in der chinesischen Sonderverwaltungsregion entfernt sein. Als Erstes ließ Peking Massenproteste für mehr Demokratie mithilfe eines strengen Sicherheits - gesetzes niederschlagen. Deutlich größere Auswirkungen hat für ausländische Firmen jedoch die zweite Katastrophe, die mit Corona über das Finanzzentrum hereinbrach.


Das Hongkong von heute sei „mehr oder weniger kaltgestellt“, sagt Stefan Schmierer, Partner der in Hongkong ansässigen Rechtsanwaltskanzlei Ravenscroft & Schmierer. Er selbst ist gerade erst von einem Trip zurückgekehrt und weiß somit genau, wie schwierig es geworden ist, in die Metropole zu kommen, die noch vor Jahren Rankings der weltweit freisten Wirtschaftsstandorte anführte.


Eine bewunderte Hauptstadtd der Freiheit ist der Stadtstaat schon lange nicht mehr. Wer heute nach Hongkong will, muss zunächst hoffen, dass der Flug nicht kurzfristig gestrichen wird. Airlines, die zu viele Coronainfizierte in die Stadt bringen, werden immer wieder mit Flugverboten bestraft. Dann sind da die Quarantänehotels. Wer keine Reservierung ergattern kann, darf nicht einreisen. Und die Nachfrage ist oft größer als das Angebot. Bis vor Kurzem noch zwischen zwei und drei Wochen, jetzt noch eine, müssen Ankömmlinge in Hongkong dann in oft winzigen Zimmern ausharren, bis sie endlich entlassen werden. Wer positiv getestet wird, dem droht auch ohne Symptome Krankenhaus.


Erst eine langwierige Quarantäne vor jeder Geschäftsreise? „Die Aussage meiner Mandanten ist klar: Das ist Käse und muss weg“, sagt Schmierer.


Klienten des Anwalts, die eigentlich regelmäßig in die Millionenstadt kamen, um ihre Niederlassungen in der Stadt oder auf dem chinesischen Festland zu besuchen, verabschieden sich. „Seit drei Jahren war kein einziges Managementmitglied aus Deutschland weder hier in Hongkong noch in China“, berichtet der Anwalt.


Hongkong trifft es besonders hart, weil es wie wohl sonst kein anderer Ort auf Offenheit angewiesen war. Die Stadt ist reich geworden, weil sie von jeher als Brücke der Welt zum chinesischen Festland diente. Viele ausländische Firmen haben einen regionalen Hauptsitz in Hongkong, weil sie einerseits vom im Vergleich zu China verlässlicheren Rechts- und Steuersystem profitierten und zudem schnell in der benachbarten Provinz Guangdong ihre Fabriken besuchen konnten. Gleichzeitig waren zahlreiche andere Märkte in ganz Südostasien bisher mit einem kurzen Flug erreichbar. Auch diese Rolle als Hub liegt zurzeit brach. Bangkok und Singapur übernehmen diese Funktion nun gerne.


Besonders bitter ist allerdings, dass das chinesische Festland kaum noch erreichbar ist. Denn auch wer schon in Hongkong weilt, muss eine weitere Isolation über sich ergehen lassen, um dorthin zu kommen. Die chinesischen Niederlassungen deutscher Firmen und Partner nutzen die fehlenden Kontrollbesuche laut Anwalt Schmierer nicht selten schamlos aus. „Da werden Verwandte eingestellt, da wird Zweitbusiness betrieben, da wird Geld aus dem Unternehmen rausgezogen. Alles in der Hoffnung, dass die in Deutschland schon nichts merken.“


Deutlich zu spüren bekam zuletzt auch Wolfgang Ehmann, Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Hongkong und Chef der Handelskammer, die schlechte Stimmung. „Der Frust und die Verständnislosigkeit sind groß angesichts der andauernden Maßnahmen, zumal andere Standorte in der Region geradeerfolgreich vormachen, dass es auch anders gehen kann“, berichtet Ehmann. „Klar ist: Unter den geltenden Einschränkungen droht Hongkong dauerhaft den Anschluss zu verlieren.“


Ähnlich wie auf dem chinesischen Festland, wo viele Ausländer den extremen Zero-Covid-Druck der Regierung nicht mehr aushalten, hätten auch in Hongkong viele Expats samt Familien die Flucht nach Hause angetreten. Eine Umfrage innerhalb des Kammernetzwerks ergab, dass 44 Prozent der befragten Unternehmen in den letzten zwei Jahren Mitarbeiter aufgrund der Maßnahmen verloren haben. Ein Drittel der befragten Unternehmen denke zudem über einen mindestens teilweisen Umzug aus Hongkong nach. Noch wäre es allerdings zu früh, den Standort ganz abzuschreiben, betonen beide Deutschen.


Einer, der die harten Maßnahmen nicht zu spüren bekommen wird, ist der chinesische Präsident Xi Jinping. Er soll am 1. Juli zu den Feierlichkeiten anreisen. Eine Quarantäne wird er nicht über sich ergehen lassen müssen. Stattdessen müssen sich sämtliche Hongkonger, die sich mit ihm in einem Raum aufhalten, im Vorfeld isolieren.


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